Blau – Sowohl der Himmel als auch er. Er versucht aufzustehen, doch es geht nicht. Die Beine versagen ihm den Dienst und auch der Kopf dröhnt, wie bei einem Start eines Jumbojets. Er sieht an sich herunter und bemerkt, dass er sich in den Schritt gekotzt hat.
Die Brieftasche? Weg! Die Uhr? Weg! Was war los? Wo bin ich? Das sind die Fragen , die ihm durch den Kopf schwirren. Dieses Pochen im Kopf macht ihn mürbe und lässt ihn keinen rationalen Gedanken fassen. Der umherschweifende Blick bleibt an der Fassade des gegenüberliegenden Hauses hängen. Ein Schild einer Bar mit der Aufschrift: „Das Elend“. Jetzt wird ihm einiges klar! Er muss wohl die Nacht im Elend verbracht haben und dies führte ins Elend. Was war der Auslöser für diesen Absturz? Er – er heißt übrigens Rainer – musste wohl ein Ereignis des letzten Tages nicht verkraftet haben. Rainer ist sich aber nicht mehr im Klaren was denn nur geschehen ist. Seine Körperspannung ist immer noch außer Kraft gesetzt und deswegen hat er Zeit zum Nachdenken. Wobei nun aber langsam eine gewisse Angst in ihm aufsteigt, eventuell gelähmt zu sein, aber er hatte noch nie gehört, dass man von Alkohol, sogar beim billigsten Fusel, für längere Zeit gelähmt bleibt. Es ist wohl Sonntag Morgen, denn es sind keine Menschen auf der Straße unterwegs, jedoch hört er von weitem die Glocken des Münsters schlagen. Und da kommt auch schon ein älteres Ehepaar den Bürgersteig entlang. Sie sehen nur angewidert auf ihn herab und steuern weiter zielstrebig dem sonntäglichen Ritual entgegen. Rainer ist von diesem Pärchen irgendwie angetan, denn sie haben diesen zielstrebigen und gefestigten Ausdruck im Gesicht, der ihm fehlt. Jetzt kommt ihm ein Gedankenblitz, das Dröhnen im Kopf hatte nachgelassen: Der Verlust eines Ziels musste wohl der Grund für das Besäufnis gewesen sein. Doch er hat doch kaum bzw. gar keine Ziele und deswegen kann er doch gar keins verlieren. Eine gewisse Frustration musste ihm aber widerfahren sein, denn er ist eigentlich nicht der Typ für sinnlose Exzesse. Na gut ab und zu ein Joint muss schon drin sein, aber doch nicht bei Alkohol! Er rekapitulierte seine Ziele: Zum einen will er unabhängig von seinen Eltern sein und vor allem immer bleiben. Doch das war gewährleistet durch sein Einkommen als Florist. Das zweite Ziel ist die Eroberung der Musikszene mit seiner kleinen Bluesrock-Band ohne Namen. Diese steht noch in den Kinderschuhen und konnte eigentlich noch keine Dämpfer bekommen haben, weil die Jungs eine eingeschworene Truppe sind. Da bleibt noch Laura. Laura war seine Muse, sein Engel, sein Ein und Alles. Sie ist Lektorin bei einem Verlag. Eine unerreichbare Galionsfigur in seinem Leben. Rainer suchte immer ihre Nähe, traute sich aber nie ihr eine Offerte zu machen, denn er war in dieser Hinsicht ein Loser. Nie hatte er Erfolg bei Frauen. Er war immer ein „guter Freund“, der Spaßmacher, der Schwule. Schwul ist er aber nicht, jedoch konnte er diese Stigmatisierung nie wieder ablegen. Gestern muss also was gewesen sein, Rainer wird doch wohl nicht den Mut gefasst haben und Laura gebeichtet haben? Nun eine Vibration in seiner Hose. Es ist das Handy und er hat eine SMS bekommen. Ausgerechnet oder Gott sein Dank von ihr: Es tut mir Leid…..ich muss wohl überreagiert haben. Nun war es raus. Er hat es getan und die Antwort ist wie zu erwarten negativ ausgefallen. Sein wichtigstes Ziel ist mit einem Schlag aus der Welt geschafft.
Die Sonne steht nun im Zenit. Es war also Mittag und er hat den ganzen Vormittag sitzend vor dem Elend verbracht. Rainer steht auf ; ja es geht wieder, sieht an sich herunter und betrachtete seine versifften Klamotten. Die Luckys werden aus der Hosentasche gefischt und eine in den Mund gesteckt. Rauchend schlendert er nun durch die Gassen der Altstadt und fasst den Gedanken: Scheiß auf Freunde bleiben! Er hat ja auch noch andere Ziele in seinem Leben, auf die er sich jetzt konzentrieren kann. Im Kopf geht ihm ein Songtext von Crosby, Stills, Nash and Young umher : „…AND IF YOU CAN`T BE WITH THE ONE YOU LOVE HONEY, LOVE THE ONE YOU`RE WITH….”
Das soll nun ein neues Ziel für ihn sein.